übungsraum ist nicht anwendungsraum
die interessantere frage lautet nicht, wo ich lernen kann — sondern was ich mir gerade unfreiwillig beibringe.
Über eine fast tautologische these, ihre unbequeme kehrseite, und eine frage, die meine großmutter zu ihrer signatur gemacht hat.
assumed audience: Für dich, wenn du in einer sache besser werden möchtest — und du deine fortschritte nicht unbedingt sehen kannst.
Claudia und ich spielen seit einigen wochen räuberrommée. Im gegensatz zum klassischen rommée darfst du die ausgelegten karten deiner spielpartner mitverwenden. Wie im klassischen rommée müssen 3 zusammengehörige karten liegen bleiben, als straße oder als satz (gleicher wert, unterschiedliche farbe). Alle karten, die auf dem tisch liegen, müssen – möglicherweise in anderer formation – liegen bleiben und mindestens eine eigene karte muss abgelegt werden können.
Am anfang waren wir nach zwei runden fix und fertig — zu viele optionen, zu viele lösungen, die sich unmittelbar vor dem eigenen zug wieder in luft auflösten, weil die andere die chance durch ihre karte zunichte gemacht hat.
meine beobachtung
Wir werden besser in diesem spiel. Wir überlegen sogar schon, wie wir es schwieriger machen können. Wir könnten zum beispiel die zeit zum überlegen radikal begrenzen. Dass wir besser geworden sind, ist ganz gut messbar. Wir merken es an unserem eigenen gefühl und empfinden zu gute karten auf der hand fast etwas langweilig.
Was ich außerdem beobachte: ich jongliere in gesprächen und beim schreiben noch lieber mit möglichkeiten – mit wörtern, argumenten, satzbau. Es fühlt sich an, als würde etwas leichter gehen, das vorher eine spur zäher war.
Wichtig: das ist beleg-frei, und ich markiere das ausdrücklich. Ich habe keinen sauberen befund, dass räuberrommée mein alltagsdenken verändert. Parallel nutze ich das journaling wieder konsistent, ich schreibe mehr, ich schlafe (aus welchen gründen auch immer) häufiger wieder besser — der effekt ist nicht isolierbar. Und der transfer zwischen kartenspiel und alltagsdenken (kognitiver fern-transfer) ist in der trainingsforschung notorisch schwer belegbar. Ich habe eine vermutung. Mehr nicht.
Was ich behaupte, ist deutlich schmaler: kein bildschirm vor der nase zu haben ist objektiv sichtbar und die spielfähigkeit wächst objektiv (wir müssen es uns absichtlich schwerer machen). Außerdem verbringen wir haben zeit miteinander, in der das telefon einfach woanders liegt. Das allein würde schon reichen.
Was ich mit großer sicherheit behaupten kann und das ist nicht wirklich überraschend und trotzdem nicht weniger wichtig:
Was ich wiederhole, wird meine kompetenz.
Der satz ist fast tautologisch. Genau deshalb hält er. Er braucht keinen studienbeleg, weil er über keine domänen springt. Was ich täglich tue, darin werde ich besser. So funktioniert das nervensystem, so funktioniert das gedächtnis, so funktioniert das lesen dieses satzes, das leichter wird, je öfter ich sowas lese.
Trotzdem: das ist nur die eine hälfte. Die andere ist die verortungsfrage — und die ist deutlich weniger tautologisch.
damit wir vom selben reden
Übungsraum ist der ort, an dem ich eine fähigkeit ohne einsatz wiederholen kann. Fehler kosten dort nichts (höchstens stolz, gelegentlich). Ich darf pausieren, eine karte zurücklegen, von vorne anfangen.
Anwendungsraum ist der ort, an dem dieselbe fähigkeit unter einsatz steht. Fehler haben folgen. Ich habe eine karte einmal ausgespielt, und dann liegt sie da.
Die landläufige annahme ist, dass ich eine fähigkeit am besten dort trainiere, wo ich sie brauche. Das stimmt manchmal (bei ganz konkreten motorischen ausführungen zum beispiel), und es stimmt in einer entscheidenden situation nicht: wenn das ergebnis mich unter druck setzt und genau dieser druck den lernkanal, den ich eigentlich öffnen wollte, wieder zumacht.
der harte beleg
Vor einiger zeit hatte ich einen klienten, angehender tennisprofi. Sein aufschlag war unzuverlässig — und das schöne an tennis-aufschlägen ist: die spielerin selbst weiß in dem moment, in dem der ball die wurfhand verlässt, ob der schlag sitzen wird. Damit war klar: es ist ein werfen-problem, kein schlagen-problem.
Nun kann man den ball natürlich direkt beim aufschlag üben. Tausendfach werfen, bis das werfen sitzt. Man kann sich dabei aber auch gleichzeitig einen mentalen film reinziehen, in dem jeder schlechte wurf eine niederlage beim nächsten turnier ist. Der einsatz reist mit.
Wir haben stattdessen mit jonglieren angefangen. Zunächst mit nur zwei bällen, kein netz, kein gegenüber, kein publikum, keine bestenliste. Nur werfen. Wer den ball immer woanders hinwirft, wird ihn nicht fangen können und damit auch nicht jonglieren. Das gehirn lernt, wozu es fähig ist — ohne dass parallel die druckschleife läuft, die den lernkanal sonst wieder zumacht. Ergebnis: ein platz in der bestenliste, der extraförderung nach sich zog.
Das ist der belastbarste teil dieses essays. Dass verwandte wurfmuster eine gemeinsame bewegungsstruktur teilen, ist in der motorik-forschung seit Richard Schmidts „schema-theorie” (1975) gut untersucht11 die konkrete gleichung „wurf = aufschlag” ist vorsichtiger zu behandeln: die einzige studie, die beide bewegungen direkt vermessen hat, fand sie kurz vor dem ballkontakt kinematisch deutlich weniger ähnlich, als trainer meist annehmen (Reid, Giblin & Whiteside, 2015, Journal of Sports Sciences) – und jonglieren gegen aufschlag wurde meines wissens nie direkt getestet. — auch wenn ich für genau meinen fall keine studie vorweisen kann, nur das ergebnis.
Und jetzt der ehrlichere teil.
das ding hat auch eine kehrseite
Ungewählte defaults trainieren mich auch.
Wenn das, was ich wiederhole meine kompetenz wird, dann werde ich in allem besser, was ich täglich wiederhole. Auch im halbfertig-denken. Im ständig-etwas-anderes-anklicken. Im 4-minuten-video-schauen und dann-doch-nichts-zu-ende-tun. Im doomscrollen.
Das ist keine moralische anklage. Es ist eine mechanische. Die neuronen wissen nicht, ob ich stolz bin auf das, was sie gerade fester verdrahten. Sie machen einfach fester und das mit allerbester absicht.
Daraus entsteht notwendigerweise eine andere frage:
Ist das, was ich regelmäßig tue, tatsächlich etwas, worin ich besser werden will?
Das soll kein vorwurf werden – weder an mich noch an dich als leserin. Es ist mehr eine diagnose-frage, die ich mir öfter stellen möchte.
Das bedeutet auch, dass ich beginne genauer hinzuhorchen: was sagt mir die emotion, die ich fühle - müdigkeit, langeweile, unsicherheit? Jede dieser emotionen hat ihre berechtigung, und ich darf sie unterschiedlich lösen. Langeweile löse ich nicht durch essen, müdigkeit nicht durch doomscrollen. Unsicherheit bedarf weiterer aufklärung.
Wenn die standardantwort auf langeweile “instagram” hieße, würde die person besser in scrollen und wischen (und wahrscheinlich im abspeichern von wissen, dass sie niemals abruft).
die menschliche linie
Ich muss noch von jemandem erzählen, damit dieser text nicht zu abstrakt endet: Meine großmutter ist 101 jahre alt geworden. Bis zum schluss hat sie räuberrommée mitgespielt und uns dabei oft genug an die wand gespielt. Meine mutter (83) spielt ähnlich gut. Wir wachsen offensichtlich in eine familientradition rein.
Es wäre so verlockend zu sagen: „Meine großmutter war so gut in diesem spiel, weil sie geübt hat.” Aber das wäre zu kurz gesprungen. Ich bin überzeugt, dass sie auch deshalb so gut darin war, weil sie als junge frau im krieg jahrelang jeden tag dinge anders verwenden musste, als sie gedacht waren. Das war nicht ihr übungsraum. Das war ihr anwendungsraum — unter dem härtest möglichen einsatz. Sie war bis zum schluss grandios im zweckentfremden.
Mir hat sie damit eine fähigkeit beigebracht, die mich schon oft gerettet hat:
„wofür kann das noch gut sein? was kann ich damit noch machen?”
Diese zwei fragen sind die verbindungslinie durch alles, was in diesem essay steht. Am tennisplatz sind sie die frage, die zum jonglieren geführt hat („was kann werfen noch bedeuten — außer aufschlag?”). Am kartentisch sind sie im minutentakt zu beantworten. Und beim blick aufs eigene handy sind sie die frage, die den doomscroll unterbricht: was kann diese zeit noch bedeuten — außer sich weiter zu üben in dem, was ich nicht können will?
Meine großmutter hat diese fragen nicht als methode gelernt. Sie hat sie unter einsatz entwickelt und dann so oft benutzt, dass sie zu ihrer signatur geworden sind. Anwendungsraum wird eben auch zu übung, wenn er lange genug dauert — nur bezahlt man den unterricht dort in einer anderen währung.
was ich (bewusst) nicht sage
Ich sage nicht, dass jetzt jede und jeder karten spielen sollte. Das ist nicht der punkt. Was räuberrommée bei mir gerade tut, ist etwas neben allen vorteilen noch etwas anderes: es ist ein bildschirmfreier ort, an dem eine fähigkeit — das nutzen dessen, was bereits da ist und damit das neue konfigurieren — wiederholt und geübt wird, ohne dass irgendetwas auf dem spiel steht.
Ob sich solche übungsräume bewusst gestalten lassen — für sich selbst, für ein team, für eine organisation — ist eine andere frage. Zwang (die kriegsjahre bei meiner großmutter) und erlaubnis (karten am tisch) trainieren möglicherweise unterschiedliche qualitäten derselben fähigkeit. Diese frage lasse ich hier offen. Ich habe darauf keine antwort, die ich mit ruhigem gewissen ausstellen würde.
Was ich habe, ist eine frage, die ich mir selbst viel öfter stellen möchte — und die ich dir mitgebe:
Was habe ich heute geübt? Und ist das etwas, worin ich besser werden möchte?
Mehr braucht es vielleicht gar nicht.
gepflanzt gestern